Der Geruch eines frisch aus dem Rohr kommenden Stritzels erweckt umgehend die schönsten Kindheitserinnerungen und ein wohliges Gefühl, das alles gut ist. Man schließt die Augen, inhaliert die Aromen tief, bis auch die letzten Bronchien Saltos schlagen, und gibt sich den Bildern hin, die zwischen Herz und Hirn Pingpong spielen. Sobald der Geruch des frischen Germteigs langsam die Räumlichkeiten durchzieht, wird man von einer derartig harmonischen Traumwelt eingehüllt, dass jeder Trubel nebensächlich wird und die erholsame Distanz zur Realität einkehrt. 

Über diverse esoterische Ausprägungen kann man streiten, die heilsame Wirkung des Stiezels lässt aber selbst den größten Skeptiker verstummen und nach dem nächsten Stück verlangen.  Das Striezelbacken ist eine der schönsten Zeremonien, die man sich als Küchenpriester/in so vorstellen kann. Die Aufmerksamkeit und Liebe die man dem Teig widmet – vom zarten Verrühren der Flüssigkeit mit dem Mehl, über jede Handbewegung, die man beim Kneten des lauwarmen Teiges setzt und genießt, bis hin zum Ausrollen und Flechten der Stränge zu einen formschönen Zopf – spiegelt sich in der Gesamtkomposition wieder und jede Geste trägt zum phänomenalen Ergebnis bei. Man schmeckt Leidenschaft und Hingabe. Immer. 

Der Striezel ist nicht rezeptpflichtig, man kann sich aber an folgende Anleitung halten:

500 Milliliter Milch

140 Gramm Zucker

140 Gramm Butter

1 Teelöffel Salz

1 Kilogramm glattes Mehl

1 Würfel Germ bzw. 2 Packerl Trockengerm

2 Eier

Rosinen

Möge die Zeremonie beginnen.
Behutsam wird die Milch gemeinsam mit der Butter, dem Zucker und dem Salz in einem Topf auf Fingertemperatur erwärmt – ja nicht zu heiß werden lassen, sonst schreckt sich die Germ und kann ihren Zauber später nicht entfalten. Die Butter soll geschmolzen sein, der Zucker kann ein halb aufgelöstes Dasein führen. Wer es gerne mit der Hand macht, gibt in eine große Schüssel Mehl und zerbröselt die frische Germ darin. Dafür sollte man sich ruhig Zeit nehmen und achtet darauf, dass sie wirklich gut verteilt und fein in das Mehl eingearbeitet wird. Die schnellere Variante warat jene mit der Trockengerm. Die Speedigsten nehmen die Küchenmaschine mit dem Teigknethaken. Als nächstes kommt ein Ei sowie die Rosinen ins Spiel – manch einer will die weglassen, das verstehen wir aber wirklich nicht – und werden ins Mehl einrührt. Die Menge kann so ein bisserl nach individuellem Belieben gewählt werden, aber meistens sind es so zwischen 100 und motivierten 200 Gramm. 

Nun trifft die lauwarme Milch-Butter-Zucker-Salz Mischung auf die Mehl-Germ-Ei-Rosinen Basis und die Germ kann ihrer Bestimmung endlich nachgehen. Die Hefebakterien freuen sich über das feucht fröhlich süße Milieu und werden mit vielen Handbewegungen massiert. Auch wenn das Verkneten des Teiges am Anfang als klebrige Patzerei beginnt, braucht man einfach ein wenig Geduld und alles fügt sich letztendlich perfekt zusammen. Manchmal muss vielleicht ein bisserl extra Mehl dazu kommen..

Der Teig wird zu einer Kugel geformt, mit ein bisserl Mehl bestaubt, einem Geschirrhangerl abgedeckt und an einem lauschigen Ort ungefähr eine dreiviertel Stunde gehen gelassen. Wenn er sich auf sein doppeltes Volumen aufgespielt hat, wird er wieder runtergeknetet. Der Teig ist seidig weich und schmiegt sich zart über den Handrücken. Jede Geste die man beim Kneten setzt könnte sinnlicher nicht sein und der betörende Geruch lässt sich bereits zart erahnen. Nach der liebevollen Widmung darf er noch ein zweites Mal aufgehen. Dafür wiederholt man den Bemehlungs-Abdreck-Rast-Prozess und stellt ihn wieder an einen wohligen Ort. Wieder 45 Minuten später ist er nun bereit geflochten zu werden. 

Schüchterne Anfänger flechten einen 3er Stritzel. Die Pros unter uns – und dazu zählen wir euch alle – trauen sich die famose 6er Variante zu, die man dann auch entsprechend Schmecken kann, weil der Striezel feiner durchzogen ist.  Wir haben den Teig halbiert und zwei kleinere Striezel draus gemacht. Man schneidet den Teig in sechs gleich große Stücke – am einfachsten zuerst halbieren und dann Dritteln und rollt sie zu ca. 70-80 Zentimeter langen und 1,5 Zentimeter dicken Strängen aus.

Die rechte Hand wird über die linke verkreuzt, mit ihr nimmt man links den äußersten Strang. Mit der linken, darunter liegenden Hand nimmt man den rechts äußersten Strang. Nun entkreuzt man die Hände. Der Strang in der linken Hand wird hochgehalten – nur nicht loslassen, bis er an dran kommt. Der Strang in der rechten Hand wird zu den beiden linken Strängen innen dazu gelegt. Weiterhin den linken Strang halten und mit der freien rechten Hand unter der linken Hand wieder kreuzend den rechts äußersten Strang greifen. Die Hände wieder entkreuzen und nun den Strang in der linken Hand zu den beiden rechten Stränden innen dazulegen.  Den Strang in der linken Hand weiterhin festhalten und oben lassen.  Nun wieder mit der freien Hand unter die haltende Hand durchfahren und den rechts äußersten nehmen. Repeat & repeat. Übung macht den Meister /die Meisterin. Der Teig lässt mit sich spielen. 

Zum Glanzabschluss wird ein Ei verquirrlt und der Striezel damit bestrichen. Drüber kommt noch Hagelzucker und während das Rohr auf 175 Grad Celsius vorheizt, geht der Stritzel nochmals ca. 15-20 Minuten auf. Dann darf er rein und wird 30 Minuten gebacken, bis er goldig glänzt und der besagte Duft ins Märchenland ruft.