Obst fast wie im Paradies – mit Liebe und Leidenschaft haltbar gemacht

markta

Wenn man mit Isabella zu ihren Obstbäumen fahren will, sollte man einen Pass einpacken. Die Fahrt führt aus Wien hinaus, auf der Autobahn an Windrädern vorbei Richtung Osten, bis man sich ein paar Kilometer nach Sopron auf einer Schotterstraße wiederfindet, auf dem Weg zu einem Grundstück in der fast lautlosen Idylle einer ungarischen Landszene.

„Angefangen hat’s damit, dass die Nachbarn von meinen Großeltern ihr Obst und Gemüse verwerten wollten, es selber aber nicht mehr geschafft haben“, erzählt Isabella Lindinger, die seit ihrer Kindheit weiß, wie man Marmeladen einkocht. Ihre Mutter, ihre Großmutter und sie kochten die kirsch- und pflaumenverwandten Kriecherl ein im Garten des Großvaters. Kindheitserinnerungen, die Isabella heute beim Einkochen ihrer Marmeladen, Röstern und Säften begleiten. An den Kriecherl-Saft erinnert sie sich mit einem verschmitzten Grinsen. „Der Kriecherlsaft war saubitter und in Wirklichkeit nicht zum Dasaufen aber gut g’spritzt war er ein Durstlöscher“, lacht sie. Den Rezepten und der Einstellung ihrer Oma bleibt sie aber trotzdem bis heute treu: So wenig Zucker und dafür so viel Frucht wie möglich. 


Wenig Zucker, wenig Pektin, viel Frucht

Inzwischen bekommt sie ihr Obst nicht mehr nur aus Omas Garten. Im Raum Wien gibt es so viel Obst, das ungenutzt am Baum hängen bleibt. Freunde und Bekannte kommen inzwischen auf sie zu und schenken ihr für zwei Gläser Marillenröster eine ganze Wagenladung Marillen. Auch über Fairteiler und Verschenk-Plattformen im Internet stößt sie auf ihre wichtigste Ressource. Isabella Lindinger kocht ausschließlich mit pflanzlichem Pektin ein. Aber selbst da hat sie ihre Geheimtipps: „Was da hinten auf den Pektin-Packungen steht, ist in Wirklichkeit nicht ganz richtig. Man kann auch einfach 100 Gramm Zucker nehmen und aufs Pektin sogar völlig verzichten, die Marmelade bleibt trotzdem haltbar“, sagt sie. Früher habe man Kompott auch ganz ohne Zucker gemacht und das ist eigentlich mehr Wasser als Frucht.


Viel Marmelade, viel Geschmack

„Das ist das schönste Kompliment, wenn die Leute zu mir kommen und sagen, dass die Marmelade genauso wie bei der Oma schmeckt“, sagt die traditionsbewusste Marmeladeneinkocherin. Vielleicht liegt’s an der Experimentierfreudigkeit oder an der Spontanität, mit der sie an das Obst herangeht: „Ich hab’ meine Grundrezepte und die kann ich schon auswendig, aber wenn ich einen schönen Obstbaum sehe, kommen mir oft ganz spontan Ideen für spannende Röster, Säfte oder auch mal ein Chutney.“ Oder es liegt an der Menge, die sie einkocht. „Ich koche wirklich in sehr kleinen Mengen ein, also in dem Topf, den ihr grad gesehen habt“, sagt sie. Der Topf fasst nicht mehr als 15 Liter. Aus diesem Topf entstehen zehn Gläser Marmelade. Dabei macht sie den Topf nicht einmal ganz voll, um ein Anbrennen zu vermeiden – jedes Glas eine „Limited Edition“ quasi. Und trotzdem gab’s bei den Lindingers immer genug Marmelade. „Marmelade hat man bei uns in der Familie eigentlich nie gekauft, das wurde immer selbst gemacht.“ Und das wird auch so bleiben. Neben ihrem Teilzeitjob in einer Leder-Boutique steht die Hetzendorf-Abgängerin und Mode-Designerin bis zu 20 Stunden pro Woche in der Küche. „Das ist aber nur während der Saison. Aber in der Haupteinkochsaison steh’ ich vor der Arbeit oder nach der Arbeit oder vor und nach der Arbeit und an den Wochentagen viel in der Einkoch-Küche“, meint sie. Auch pflücken und ernten muss irgendwann gemacht werden. Dabei hilft nach wie vor die Familie. „Also ich hab’ dann zum Glück meine Mama und meinen Papa, meine Stiefmama und meinen Stiefpapa, die helfen mir auch. Man muss dann halt auch sehr flexibel sind. Wenn die Früchte reif sind, dann sind sie halt reif.“






Regionsbewusstsein in der Marmelade

Regionsbewusstsein wird in Österreich großgeschrieben. Österreich ist in Sachen biologischer Landwirtschaft europaweit führend und die Bauernmarkt-Dichte sowie der Fokus auf höchste Qualität ist bemerkenswert. „Österreich ist ein Land der Genießer“, erklärt es sich Isabella ganz einfach. „Das regional und saisonal Einkaufen ist das Eine, das Andere ist das Verständnis für Delikatessen. Denn obwohl’s ein bisschen mehr kostet, möcht’s jeder kaufen und auch jeder essen.“ 22% der agrarisch genutzten Flächen in Österreich werden biologisch bewirtschaftet – damit steht Österreich weltweit an der Spitze. Das Bewusstsein für hochwertig produzierte Lebensmittel und eine hohe Qualität haben in Österreich eine lange Tradition. „Meine Großmutter und meine Mutter haben immer schon viel Wert auf die nachvollziehbare Herkunft der Lebensmittel gelegt“, erinnert sie sich. 


Kochen im Kleid

„Ich brauch die Bewegungsfreiheit“, sagt die flotte Marmeladenkönigin und Schneiderin, die heute wie zum Beweis ein selbst genähtes und mit großen Sonnenblumen gemustertes Kleid trägt. „Marmeladen in Jeans einzukochen geht gar nicht“ – viel zu groß sei die Gefahr des Anpatzens und nachhaltiger Brandwunden unter der Kleidung. Als sie eines Tages Orangenspalten in Sirup eingekocht hatte, ist ihr der Schöpflöffel ausgekommen und der gesamte Topfinhalt Sirup entleerte sich über ihr Beinkleid. „So schnell kannst du dann dich nicht aus den Jeans rausretten. So furchtbare Verbrennungen hatte ich danach nie wieder!“ Vielleicht auch, weil sie seither im Kleid kocht. Ein praktischer Tipp, den auch die Oma schon beherzigt hat. Ob bewusst oder nicht. Die Marmeladen jedenfalls schmecken wie aus Omas Küche. Mit Liebe und Leidenschaft eben, wie Isabella selber sagt.

♡ Ab zum Marktstandl von Isabellas Delikatessen!

Text: Lena Zottmann

Photos: Anna Zora


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